Der Kult der Demokratisierung
Die Konferenz zu Computervermittelter Kommunikation am IfMK begann heute mit einer Keynote des amerikanischen Dotcom-Exunternehmers und Internet-Kritikers Andrew Keen. In seinem Vortrag argumentierte Keen zum Thema Politik 2.0 - obwohl es auch der ein oder andere Gedankengang aus seinem furchtbaren Buch “The Cult of the Amateur” in die Rede schaffte.
Grob zusammengefasst versuchte Keen darzulegen, dass die technische Entwicklung im Web im Kontext der gesellschaftlichen Demokratisierung zu sehen sei. Unter Demokratisierung versteht Keen eine ‘libertäre Augenwischerei’, die sich im 20. und 21. Jahrhundert in drei Phasen entwickelt hat: zunächst politisch, in der Gegenkultur der sechziger Jahre; anschliessend als ökonomische Theorie in den Achtzigern und schliesslich als technisch-gesellschaftlicher Trend mit dem Internet.
Die Wurzeln der Idee sieht Keen - und das dürfte für Reagonomics ein ziemliches Novum sein - im Histomat-Gedanken von Karl Marx: die Demokratisierung sei immer als Gegenbewegung zur herrschenden Klasse zu verstehen, also der Burgeoisie (Hippies), des big government (Juppies) oder der Mainstream-Medien (Techies). Schliesslich, so Keen, sei diese Bewegung jedoch zum Scheitern verurteilt, da sie die - angeblich befreite - Macht der Massen jeweils nur einer neuen Gruppe weitergebe. Konkret heißt das: die Web-Demokratisierung wird durch Google, Tim O’Reilly, Larry Lessig (?) und Wikipedia (?!?) zum Zweck des eigenen Profits propagiert. In Wirklichkeit konzentriere sich die Information - und damit auch die Macht - jedoch immer mehr bei einigen wenigen Akteuren.
Schliesslich versuchte Keen, sein Argument durch den gelungenen Wahlkampf von Barack Obama zu untermauern; etwa so: Wenn Obama Hitler wäre, dann wäre der populistische Internet-Wahlkampf des Amerikaners das Ende der westlichen Demokratie. Und da die Welt ein immer schlimmerer Ort wird können wir es uns nicht erlauben ein Medium zu betreiben welches so effektiv zur politischen Mobilisierung genutzt werden kann, wie dies im Internet der Fall ist.
Bevor ich mich - wie das für einen Tech-Fan unvermeidlich ist - den Schwachstellen der Keen-Rede zuwende, ein positiver Aspekt: die Idee der libertären Weltverschwörung finde ich in weiten Strecken plausibel, auch wenn der Gedanke nicht der neuste ist und das Kampfwort “Demokratisierung” ziemlich unglücklich gewählt wurde. Ob Tim O’Reilly, Yogai Benkler oder Larry Lessing allerdings tatsächlich mit einer Kopie von ‘Atlas Shrugged’ unter dem Kopfkissen übernachten, wage ich zu bezweifeln. Zwar beweist der Erfolg von Ron Paul in den republikanischen Primaries, dass der ökonomische Aspekt des Objektivismus unter den Netzbürgern eine große Anhängerschaft findet - grade die genannten Vorreiter dürften in dieser Hinsicht jedoch über eine wesentlich differenziertere Perspektive verfügen.
Als wirklich störenden Aspekt empfand ich dagegen Keens widersprüchliche Unterstellung, eine Demokratisierung politischer Kommunikation dürfe nicht mit ökonomischer Profitorientierung einhergehen und seine gleichzeitig abfällige Haltung gegenüber jeglicher Form freier und dezentraler Wissensproduktion.
Dazu gehörte zunächst die Unterstellung, der Marktwert von Internet-Unternehmen wie Google sei das Resultat einer planmässigen ‘Ausbeutung des Volkes’ und damit die direkte Antithese zur Google-Mission (das Wissen der Welt zu organisieren und frei zugänglich zu machen). Keen verkennt hier, woher der Wert von Google, Inc. wirklich stammt: Google lässt durch die Effizienz seines Produktionsmodells zur Verarbeitung und Verbreitung von Information die klassischen Medien einfach ungeheuer alt aussehen. Damit meine ich nicht die von Keen konstatierte, ideologisch motivierte Jagd auf die Mainstream-Medien sondern schlicht ökonomisch-technische Überlegenheit (eigentlich verdient dieser Punkt noch eine gesonderte Ausführung, das sei jedoch auf ein anderes Post vertagt). So nimmt Google seine Profite auch nicht direkt aus dem Beutelchen der kleinen Leute, sondern aus den Werbe-Budgets der klassichen Offline-Medien. Dass Google dabei nicht selbst als Informationsproduzent, sondern lediglich als Vermittler auftritt irritiert Keen so stark, dass er nicht bereit ist, die Suchmaschine als Substitutionsprodukt für eine Zeitung, einen TV-Kanal oder eine Radiostation zu akzeptieren.
Noch seltsamer ist der zweite Aspekt: Keen’s Weigerung, die entstehenden, nicht-kommerziellen Informationsangebote im Web ernst zu nehmen. Dazu gehört implizit geäusserte die Annahme, Wikipedia und Co. seien Institutionen zur Ausbeutung naiver Weblinge. Demokratisierte Informationsproduktion kann also nicht wirklich passieren und wenn sie doch geschieht so ist sie in Wirklichkeit nichts anderes als die Ausbeutung der Teilnehmer.
Bevor jedoch Mitleid für die Wikipedianer aufkommt, sei hier gewarnt: Keen sieht sie gleichzeitig als die rechenschaftsfreien Oligarchen des Informationszeitalters. Diese Unterstellung basiert auf der Annahme, dass die Sicherung von Qualität und Verantwortung in einem anonymen Internet ein Widerspruch in sich sei. Vertrauen kann für Keen nur durch institutionelle Bescheinigung (akademische Qualifikationen, Mitgliedschaft in Organisationen oder Firmen oder gesellschaftliches Renomee) hergestellt werden, also nur durch Klarnamen. Die Unmöglichkeit von ad-hoc Meritokratien war schliesslich schon das Thema des Keen-Buches “Cult of the Amateur”. Wie sehr ich dieser These widerspreche wird in den kommenden Wochen vermehrt Gegenstand dieses Blogs sein, schliesslich ist grade dieser Aspekt Thema meiner angedachten Bachelorarbeit.
Schliesslich sei, um die Sache abzurunden, noch die Frage der Faschismusmaschine angesprochen. Ja, das Global Village hat seinen eigenen Sportpalast: oft führen abstruse politische Ansichten zu einer weitreichenden Öffentlichkeit. Dass diese Öffentlichkeit bisher in einer positiven politischen Entwicklung in den USA kulminiert ist, kann das Argument natürlich ebenso wenig entkräften wie die These, dass eben eine solche, massive politische Mobilisierung der einzige Weg sein wird um globale Themen wie Klimawandel, Kapitalismusreform (was auch immer das sein mag) und globale Gerechtigkeit voran zu treiben. Da ich auch nicht mein Vertrauen in die Vernunft der Menschheit aus der Versenkung zerren will, bleibt mir nichts anderes, als den Oppenheimer zu machen: Das Internet ist letztlich nur eine Maschine, die schnellen und starken Wandel in die Politik bringen wird. Wer dabei am Schalter sitzt ist eine neue Frage, die nur durch unsere Gesellschaft beantwortet werden kann.

Die Entwicklung als Neu(-ordnung) der Demokratie zu bezeichnen finde ich gar nicht so grund verkehrt. Das Für und Wider dieser Begrifflichkeit zu diskutieren mag noch als Haarspalterei abgetan werden. Wikipedia aber als Ausbeutung naiver Weblinge zu sehen finde ich ziemlich anmaßend. Denn damit stellt sich Keen als eine Person vor eine gewaltige Masse und diffamiert diese. Auch Google als letztendlich unnütz zu bezeichnen, ist frech.
Ich fände es lustig Keen und Jean-Paul Martin mal in einer Podiumsdiskussion sitzen zu sehen
Die Herren Keen und Martin in einer Podiumsdiskussion wären sicher lustig anzusehen, ungefähr so lustig, wie eine Mittagstalkshow. Beide würden sicher nicht wirklich an einer Diskussion interessiert sein, sondern lediglich auf ihrer Meinung beharren und, um diese zu untermauern, den jeweils anderen niedermachen.
In die Argumentation möchte ich einen anderen Aspekt einbringen, der vielleicht etwas mehr Mut macht. Das Internet als interaktivstes aller bislang nutzbaren Medien gibt vor allem den Intellektuellen dieser Welt Zucker. Sie haben das größte Bedürfnis nach Kontrolle der Wechselwirkung des eigenen Selbst mit der Umwelt. (Herr Vorderer hat eine diesbezüglich interessante Studie angestellt, indem er nach einem Zusammenhang zwischen dem Intellekt einer Person/ sozialen Millieu und ihrer Aktivität bei der Steuerung eines interaktiven Films geforscht hat. Sicher sind die Ergebnisse nur bedingt auf das Internet übertragbar. Dennoch bestätigen sie meine eigene Vermutung.) Demnach müsste sich das Internet immer wieder neu erfinden, und zwar umso mehr, je stärker es nach einer Seite zu kippen droht. Microsoft hat das schon erlebt, Google war bereits kurz davor. Im Moment ist Google vermutlich nur deshalb gefeit, weil es sich ähnlich schnell wie das Internet neu erfindet und damit tatsächlich allen Mitbewerbern voraus ist. So wie ich den Kapitalismus verstehe, ist es da nur zu gerecht, wenn Google den Markt dominiert. Über kurz oder lang werden sie aber dennoch in die Macht-Falle laufen. Falls zu dem Zeitpunkt das Internet nur noch Google-Net heißt, wird es wohl ein neues Internet geben. Ansonsten werden wir einmal mehr den biblischen Kampf zwischen David und Goliath aka Google erleben.
Hm, den letzten Punkt finde ich so noch nicht wirklich plausibel, aus drei Gründen:
Erstens würde ich bezweifeln, dass sich aus der - wenn man so will - Interlektuellen-typischen Forderung nach Interaktivität die Unmöglichkeit eines Internet-Monopols ergibt. Zwar haben IBM und Cisco bewiesen, dass es wirklich schwer ist ein Monopol auf irgendeine digitale Technologie zu halten und Microsoft hat uns gelehrt, dass man auch als Monopol heftig an Relevanz verlieren kann - diese Phänomene würde ich aber eher auf eine allgemeine, im Konzept “Unternehmen” verankerte Unfähigkeit zur Innovationsadoption auf Internet-Tempo zurückführen als lediglich auf einen Mangel an Interaktionsmöglichkeiten in den Produkten der Unternehmen.
Zweitens würde ich behaupten, dass es letztlich ziemlich egal ist, ob das aktuelle Superunternehmen Microsoft, Google oder Schnubbeldibup heißt. Hinter jedem solchen Unternehmen stehen bisher immer die zwei treibenden Gruppen der Technologie-Revolution: kapitalismusbekiffte mitt-dreißiger aus Westeuropa und den USA oder pubertierende CJK-Kids. Solange diese Gruppen die gleichen bleiben steht auch Keens Argument insoweit als wir eine recht kleine ‘herrschende’ Klasse haben.
Das ist auch mein dritter Zahnschmerz: Keen argumentiert ja nicht primär gegen das kapitalistische, sondern gegen das (informations-)politische Monopol, welches mit Googles aktueller Stellung einhergeht. Und da ist es eben nicht “nur zu gerecht, wenn Google den Markt dominiert.” Diesen Aspekt hatte ich in meinem Blogpost unter den Teppich gekehrt - aber er guckt da immernoch etwas hervor. Denn wie unangenehm ein Wissensmonopol in unserer Gesellschaft sein wird muss ich den werten Kommentatoren nicht erzählen.
Die einzige für mich vorstellbare Alternative sind da bisher community-betriebene Dienste wie Wikipedia, die aber bislang nicht über das Organisations- und Finanzvolumen verfügen um die komplexeren Aufgaben der Informationsverwaltung - zum Beispiel einen Nachrichtendienst oder eine Suchmaschine - zu betreiben.