Mein Freund der Tweet

Ich sage gerne böse Sachen über Twitter. Zum Beispiel dass man in 140 Zeichen weder ein Argument formulieren noch eines angreifen kann. Oder dass Twitter vermutlich der erste Webdienst ist, dessen User schneller verdummen können als RTL2-Zuschauer. Dass ich es also selber nutze kann ich nur rechtfertigen, indem ich eine „redeeming quality“ benenne, eine entschädigende Eigenschaft auf deren Basis mein Verhalten rational bleibt. Also los:

56c57ae6b756827c72be2b537ac1f8c904d2472bIch glaube, dass Twitter zum ersten Mal einen (post-ökonomischen?) Markt für digitale Information bereitstellt. Seine wesentlichen Eigenschaften sind: (1) er macht nicht nur das Angebot sondern auch die Nachfrage transparent; (2) er bietet Möglichkeiten zur Anbindung der notwendigen Logistik und (3) er berücksichtigt die Nichtrivalität in der Nutzung der vertriebenen Waren.

Zum ersten Punkt: im Gegensatz zur Mehrheit aller Weblogs und konventionellen Webseiten enthält jedes Twitter-Profil die Anzahl seiner Leser. Damit wird allerdings nicht nur – wie bei konventionellen Visitor-Statistiken – die Nachfrage nach der bisher zur Verfügung gestellten Information ausgedrückt, sondern auch die Nachfrage nach zukünftig bereitgestellten Informationen. Ein Follower ist daher ein wenig mit einem Investor vergleichbar: in der Hoffnung zu einem späteren Zeitpunkt einen Informationsgewinn zu erhalten stellt er seine Aufmerksamkeit in der Gegenwart zur Verfügung. (Ich habe wirklich keine Ahnung wovon ich rede. Aber es klingt ok, oder?) Damit steigt im Sinne eines Solidaritätsgutes auch der Wert der Information für deren andere Nutzer.

Zum zweiten Punkt, der Logistik: Twitter bindet sich mit besonderer Leichtigkeit in einen neueren Teil der Internet-Architektur ein, den ich gerne als das „stream-basierte Web“ bezeichnen möchte: anstatt dem gewohnten Pull-System des HTTP wird hier auf ein Publisher/Subscriber-Modell gesetzt, indem man einen gewissen Informationsstrom abonniert, um Neues fortan im Push-Verfahren zugestellt zu bekommen. Das pub/sub-Modell ist notwendig, um einen sinnvollen Ersatz für die aussterbenden Massenmedien (SCNR) konstruieren zu können. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die hier zugrundeliegende Technologie, RSS/Atom, aus dem Bereich der Weblogs, Podcasts und Torrent-Feeds stammt. Mit der entstehenden Integration zwischen diesem Modell und der bestehenden Messaging-Infrastruktur durch XMPP/Jabber-Erweiterungen für pub/sub entsteht hier ein neues Paradigma der Informationsverteilung im Web. (Ok, der letzte Satz sollte in mein amtliches Bullshit-Führungszeugnis eingetragen werden. Er tut mir leid.)

Letztlich, die Nichtrivalität: die direkte Konsequenz aus dem Eingeständnis, dass Twitter im Prinzip in öffentlichen Gütern handelt ist das Fehlen eines monetären Gegenwertes für die bereitgestellte Information. Deshalb fällt es dem geneigten, aber vermutlich (wie ich) durch mindestens eine VWL-Vorlesung geschädigten Leser auch zunächst schwer, Twitter als Markt im ökonomischen Sinn anzuerkennen. (Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es eine direkte Korrelation zwischen der Teilnahme an wirtschaftswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen und Realitätsferne gibt.)

Interessant bleibt, dass die Nutzer hier dennoch bereit sind einen Gegenwert zu bieten, der ihnen nur begrenzt zu gebote steht. Ob man den Gegenwert, der auf Twitter gehandelt wird nun Aufmerksamkeit, Selbstwert oder Sozialkapital nennt, ist zweitrangig. Unsere Freunde aus Vertrieb und Werbung sind natürlich fest vom vertrauten Begriff der Aufmerksamkeit überzeugt, was auch erklärt warum sie mittlerweile mehr Microblogging als Koks nutzen. (Auch interessant: der Einfluss von Filtering-Tools auf den Wert eines Followers. Ich freu mich schon auf die Versuche, tweets mit DRM zu schützen um sicherzustellen, dass sie unmodifiziert und unaggregiert beim Opf… äh Follower ankommen.) Persönlich würde ich’s Sozialkapital taufen, obwohl Narzissmus 2.0 einen knappen zweiten Platz belegt. Aber das – Entschuldigung! – wird schon wieder böse.

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2 Comments

  1. Posted February 16, 2009 at 17:52 | Permalink

    Gelesen und für denkwürdig befunden. :-)

  2. Posted February 17, 2009 at 02:26 | Permalink

    Nachdem ich deine privat immer wieder propagierte Meinung zu Twitter kenne, erstaunt es, wie gering diese hier durchkommt – und wenn, dann gleich wieder abgewiegelt wird (siehe Einleitung). Du maskierst (siehe Bild ;) ) deine persönliche Meinung mit der ökonomischen Betrachtung. Das ist insofern schade, als dass diese Kritik auf einer komplett anderen Schiene läuft – nämlich der inhaltlichen. Twittern darüber, was man gerade nicht tut, denn man twittert ja gerade – das ist dein eigentlicher Aufreger (und meiner auch). Was esse ich gerade, was trinke ich gerade, welchen Film schaue ich neben dem Twittern, selbst im Kino und Theater wird getwittert, anstatt dem Aufmerksamkeit zu schenken, wofür man eigentlich dort ist. Die Aufforderung “Was tust du gerade” wird ad absurdum geführt, allein durch die absurden Themen, die man neuerdings für twitternswert befindet. Vielleicht stimmt es doch: “Was nichts kostet, ist nichts wert”

    Also: Wie immer ein sehr guter Blogeintrag, aber lass doch mal den Friedrich in dir raus…

One Trackback

  1. By tweetvote: Lessons learned | pudoblog on March 8, 2009 at 14:20

    [...] soll das ganz recht sein, denn ich finde, dass Twitter als Informationsnexus eine Menge Potential hat. Wenn man denn alles herausnehmen [...]

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