Krieg der ZEIT: Dies ist nicht Sparta!

Eigentlich mag ich die ZEIT. Nicht nur als Abonnent und Leser sondern auch als Teilnehmer zahlreicher ZEIT-Debatten habe ich mich seit einer Weile als, nunja, … Freund der Firma verstanden. Umso mehr ärgert es, dass für mich zunehmend der Eindruck entsteht, die Zeitung habe sich seit einigen Monaten zur Speerspitze des deutschen Bildungsbürgertums gegen … das ‘Internet’ ernannt. In der wohligen Gewissheit, dass eine solche Behauptung – grade in einem Blog – von der Redaktion als ‘wüste Verschwörungstheorie’ erkannt wird, hier meine etwas subjektive Rekapitulation der Angelegenheit. Und natürlich: es gibt immernoch die Artikel der ‘anderen Seite’ bei der Zeit – diese werden jedoch als Antworten nachgeschoben, in denen die größten Patzer der jeweiligen Polemik knapp eingefangen werden können.

Dies ist nicht Sparta!

Wer einen Krieg führen will, der braucht einen Feind. Am besten fängt man mit jemand an, der ohnehin allgemein als unvertrauenswürdig und gefährlich gilt. Im Internet ist das Google. Die haben Microsoft mittlerweile als Superbösewicht überrundet und gelten als Inbegriff des Personendaten-gegen-Shareholder-Value-Tauschers. Das ist ein klein wenig komisch, weil grade Google sich in dieser Hinsicht bisher wenig hat zu Schulden kommen lassen, aber die Möglichkeit zum Mißbrauch der gewonnenen Macht ist für eine Verurteilung mehr als ausreichend (An dieser Stelle. Beim Zensursula-Streit ist die Möglichkeit eines Mißbrauchs kein Anlass zur Sorge).

Dank der bestechenden Verbindungslogik des Heidelberger Appells ist der Weg von Google zur Open-Access-Bewegung ein kurzer, die Verbindung zu den eng verschwisterten Creative Commons- und Internetpiraterie-Bewegungen ist gemacht. Wer also seine Fotos auf flickr lädt oder in der Wikipedia editiert ist schon impliziert, schliesslich hat er sich als Gegner des geistigen Eigentums bekannt und ist damit nicht nur libertärer Anarchist, sondern auch Brotdieb der denkenden Klasse dieser Welt. Diesen vorpubertär-kindlichen Technokraten steht eine Gruppe von ‘Internetexperten’ zur Seite, deren Sachverstand durch einen schnellen Griff in die Zitatekiste des Heise-Forums eindrucksvoll demonstriert ist. (Die Unterscheidung zwischen seriösen Beiträgen und heise-Trolls ist dem Journalisten dabei aus strategischen Gründen vorbehalten, weil es gleichzeitig zu demonstrieren gilt, dass eine sachliche Diskussion in Internet nicht. möglich. ist.)

Drei weitere Werkzeuge helfen, den ‘Internetexperten’ den Garaus zu machen:

  • Erstens hilft es, die geistige Stabilität eines Menschen infrage zu stellen, dessen Computer quasi direkt mit üblester Kindesmisshandlung verdrahtet ist und der es dennoch wagt ohne distanzierendes Ave Maria den Browser zu öffnen.
  • Zweitens haben Lösungsvorschläge von ‘Internetexperten’ nur dann Gültigkeit, wenn sie umfangreiche technische Maßnahmen vorsehen. Die Idee beispielsweise, mit umfassenderer Strafverfolgung und polizeilicher Ermittlungsarbeit Jagd auf Kinderschänder zu machen, erfüllt dieses Kriterium nicht. Hier muss den technokratischen ‘Internetexperten’ also dringend technische Inkompetenz bescheinigt werden.
  • Als dritte und letzte Möglichkeit bleibt die Übernahme. Stellt sich heraus, das einer tatsächlich ein kompetenter Internetexperte ist, dann folgt, dass er im eigenen Lager anzusiedeln ist. Larry Lessig beispielsweise wird mit der Aussage zitiert, dass es durchaus möglich sei, die grundsätzliche Struktur des Internets so zu modifizieren, dass sie eine umfassende staatliche Kontrolle zulasse. Das könne man schließlich in jedem seiner vier Bücher zur Thematik nachlesen – in denen Lessig jedoch im weiteren Verlauf die Gefahr eines solchen Eingriffs beschreibt.

Nach dem so der Gegner bestimmt ist, haben uns die letzten beiden Ausgaben der ZEIT einen Bick ins Lager der neuen bundesrepublikanischen Kreuzritter erlaubt: Das einfache Fussvolk nach Bundesbesoldungsordnung A kniet hier vor den Mamorstatuen der verteidigten Gottheiten: der Autor (in seiner Hand das Zepter des UrhG), der Wissenschaftler (dessen Triumphe im Podest von LexisNexis- und Elsevier-Journalausgaben verewigt sind) sowie in der Mitte der Intellektuelle an sich, der mit eiserner Peitsche die Dämonen der Nachfrage und der begrenzten Aufmerksamkeit in ihre Schranken weist.

Das von di Lorenzo & Kollegen umsteckte Schlachtfeld ist damit ein wenig vermessen, aber für mich bleibt die Frage: Entspricht diese Zweiteilung der Meinungen tatsächlich der deutschen Realität? Muss ich wirklich entscheiden, ob ich der einen oder der anderen Seite angehöre? Kurzum: es ist ein kein wohliges Gefühl zum Feindbild des eigenen Informationsversorgers geworden zu sein. Neben reichlicher Selbstreflektion löst es noch eine ganz andere Frage aus: was, wenn das Meinungsblatt ZEIT zunehmend eine ganz besondere vertritt, nämlich: die eigene?

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