Die Volkskathedrale und der ein-Themen-Bazaar

Zweifellos einer der einprägsamsten Begriffe zum Thema Open Source stammt aus Eric Raymonds berühmten Essay The Cathedral and the Bazaar: das plausible Versprechen. Raymond beschreibt den Gedanken so:

When you start community-building, what you need to be able to present is a plausible promise. Your program doesn’t have to work particularly well. It can be crude, buggy, incomplete, and poorly documented. What it must not fail to do is (a) run, and (b) convince potential co-developers that it can be evolved into something really neat in the foreseeable future.

Liest man diesen Text aus einer politischen Perspektive, dann ist das “program” nicht zur Ausführung auf einem Computer sondern auf einem Staat gedacht, ein politisches Programm also. Nun ist es in der Bundesrepublik ungewöhnlich, Parteiprogramme mit Begriffen wie roh, fehlerhaftunvollständig oder zu wenig erklärt zu beschreiben. Mit einer Ausnahme – der Piratenpartei. In der Presse hat es sich mittlerweile eingebürgert, die Piraten als eine ein-Themen-Partei zu beschreiben (wobei das Thema “das Internet” ist, wenn der Journalist das Programm nicht gelesen hat, oder “Bürgerrechte” wenn das nach den genutzten Soundbites unumgänglich wurde).

Die ein-Themen-Partei ist dabei – wahlweise – entweder der Beweis, dass Informatiker eine Bürgerinitiative und eine Partei nicht unterscheiden können oder ein netter Aufhänger um in eine mittlerweile etwas müßige Diskussion des sechs-Parteien-Systems überzugehen.

Viel nahe liegender finde ich, dass die Piraten-Nerds einfach nach einem Regelwerk spielen, dass sie längst beherrschen: der Open Source-Entwicklung. Raymonds Essay beantwortet nämlich einige der Fragen, die man zurecht an die Piraten stellen kann, allen Voraus die ein-Themen-Frage: Wird die Piratenpartei ein vollständiges Programm entwickeln?

Every good work of software starts by scratching a developer’s personal itch. [...] If you have the right attitude, interesting problems will find you.

Dass die Piraten damit anfangen, Politik im Heimterrain zu machen, ist klar. Die Frage ist vielmehr: Gelingt es den Piraten die richtige Einstellung zu bewahren um auch zum Zuhause anderer politischer Debatten zu werden? Die richtige Einstellung ist im Web: Offen sein, meritokratisch, sachlich. Wer mitmachen will, muss echte Gestaltungsmöglichkeiten ohne institutionelle Zwänge vorfinden.

Treating your users as co-developers is your least-hassle route to rapid code improvement and effective debugging.

Das klingt nach UserGeneratedWeb2.0Bullshyt, hat sich aber wiederholt als erstaunlich leistungsfähiger Modus bewiesen – Linux, Wikipedia, OpenStreetMap. Die Piraten sind keine ein-Themen-Partei. Die Piraten sind unfertig. Und unfertig ist in Open Source-Kreisen eine Einladung, ein Aufruf zur Mobilisierung.

Ob diese Adaption einer Methode gelingen wird weiß niemand, schließlich müssen zunächst neue Formen der Kooperation entwickelt werden um einen politischen Bazaar zu schaffen. Das Programm muss gemeinsam erarbeitet und zu Streitfragen ein Konsens gefunden werden. Besonders geeignet für diese Aufgabe ist sicher die Liquid Democracy, ein Bugtracker für die Gesellschaft. Sie kann die zentrale Maxime verwirklichen, die in Raymonds’ Essay steckt, Linus’ Law:

Given enough eyeballs, all bugs are shallow.

Die Piraten wählen heißt nicht nur: Bürgerrechte wählen. Es heißt auch: eine neue Methode wählen, das Experiment einer offenen, gleichberechtigten Politik eingehen.

Wirtschaftskrise, Klimawandel, Bildungspolitik, Steuersystem: wir kommen.

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