Liquid Democracy

Seit bald zwei Monaten habe ich mich mittlerweile der Liquid Democracy verschrieben. Deren Ansatz ist es, Demokratie nicht als heilige Staatsform, sondern als ein besonders erfolgreiches Muster sozialer Koordination zu verstehen. Wie kann man es vielen Leuten erlauben, gemeinsam an Entscheidungen über ihr Zusammenleben mitzuwirken?

Diese Frage hat natürlich viele Antworten, die meisten davon gehen aber von einer analogen Welt aus: direkte Kommunikation zwischen den Bürgern ist schwer; Andere mit gleichen oder ähnlichen Interessen zu finden ist schwer; Menschen zu koordinieren ist schwer. Deshalb kommt man zu Konstrukten wie der repräsentativen Demokratie: 600 Leute in einem Parlament können vielleicht noch etwas erreichen, solang man ordentliche Regeln zur Gesetzgebung hat. Organisationen wie NGOs oder Parteien hingegen stehen hier vor der Wahl: basisdemokratische Entscheidungen behindern durch ihre Trägheit oft eine effektive Entscheidungsfindung, gleichzeitig wären sie zur Einbeziehung der Mitglieder wünschenswert.

Soweit die analoge Welt. Im Web ändern sich nun aber die Spielregeln: direkte Kommunikation ist auf einmal trivial; Gleichgesinnte zu finden erledigt oft die Informationsfabrik in der Wolke und um eine Gruppe von Menschen zu koordinieren braucht man nur eine Yahoo! Group oder ein Wiki. Liquid Democracy ist daher im Prinzip eine Wiki-Demokratie: Jeder kann Vorschläge einbringen, bestehende Ideen kommentieren und schließlich für oder gegen einen konkreten Antrag stimmen. Hinzu kommt ein Twist: wenn ich mich nicht qualifiziert fühle zu einem Themengebiet Entscheidungen zu treffen – oder schlicht keine Lust habe jeden Tag Wikiseiten zu lesen – dann steht mir frei, meine Stimme an einen anderen zu übertragen. Das kann für ein einzelnes Thema erfolgen, aber auch für einen ganzen Politikbereich.

adhocracy_buttonSo entsteht eine neue Form der Demokratie, die wirklich verteilt, schnell und offen ist – ein richtiges Kind des Internet. Demokratisches Management wird damit zu einer pragmatischen Option für Organisationen, die ihre Mitglieder wirklich einbeziehen wollen – egal wo sie sich grade aufhalten und egal wann sie sich engagieren wollen.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Piratenpartei, in deren Programm die Liquid Democracy seit der Gründung einen festen Punkt darstellt. Besonders gefreut hat es mich daher, dass ich in Zukunft meinen eigenen Entwurf einer Liquid Democracy, adhocracy.cc, zusammen mit den engagierten Leuten beim Berliner Verein liqd voran treiben und nach der Bundestagswahl vielleicht auch dem einen oder anderen Test innerhalb der Piraten unterwerfen kann.

Wer weiß: vielleicht werden wir in ein paar Jahren Liquid Democracy als etabliertes Tool des sozialen Webs in einem Atemzug mit Weblogs, Wikis und Social Networking Services nennen. Mich würde es freuen, denn so würde das Web auf seine eigene Art erwachsen – indem es lernt, seine eigenen Entscheidugnen zu treffen.

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4 Comments

  1. o2eki
    Posted September 10, 2009 at 22:50 | Permalink

    ja, dann wär es doch nett, wenn meine anliegen in der test-adhocracy ein bisschen mehr feedback bekämen :(

    ich fühle mich so allein gelassen im großen www.

  2. Friedrich
    Posted September 11, 2009 at 01:37 | Permalink

    @o2eki Dies ist natürlich keineswegs mein Ziel. Ich muss nur grade – was den Code angeht – ein wenig Haushaltsarbeiten erledigen. Dann kommen die spannenden Voting-Sachen (ja/nein) usw.

    Also: bitte Geduld! Und: danke für die Hilfe!

  3. Posted October 20, 2009 at 01:01 | Permalink

    Hallo Pudo!

    Ich will demnächst meine Magisterarbeit über das Thema Liqu Democ. schreiben. Ich wäre sehr an den Ergebnissen Deiner Recherche bzw. am Deiner BA-Arbeit (so weit ich gehört habe, schreibst Du daran), interessiert :)

    Besten Gruß, Sebastian

    Kontakt: 03834 761640 / 0176 20336676 oder sebastian [at] jabbusch . de

  4. test
    Posted October 24, 2009 at 02:10 | Permalink

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